ÜBER FILM RISS THEATER

[AKTUELLES PROJEKT:
„[ZWEI] Tausend [ZWANZIG] und eine Nacht“ 24. / 25. April 2021, Schaubude Berlin online

FILM RISS THEATER entwickelte sich aus der Theater-Zusammenarbeit von Miriam Sachs mit Schauspielern, Musikern und anderen Künstlern, seit 2012 auch mit Wissenschaftlern. Wir suchen nach Schnittstellen zu anderen Disziplinen, stellen gerne Gegensetzte auf die Bühne und suchen vor allem immer nach dem interaktiven Zusammenspiel zwischen Theater und Film. Auch inhaltliche „Filmrisse“ interessieren uns, wie sie z.B. in den Stücken Heinrich von Kleists eine Rolle spielen oder im Erzählkosmos Franz Kafkas. Die Spielorte waren seit 2009 unterschiedliche Berliner Theater (Neuköllner Oper, Theaterkapelle, Theater unterm Dach, Ballhaus Ost…). Manchmal erstrecken sich unsere Projekte über ein ganzes Jahr (als Reihe z.B. 2011 dank einer  Förderung der Kulturstiftung des Bundes der interdisziplinären Reihe NEUNMALKLEIST) oder große Inszenierung von Klassikeradaptionen (2012 „ODYSSEUS. KRIEG. ENTZUG“ (Senat; Fonds darstellende Künste);  2013: „DIE KINOGÄNGE DES FRANZ K.“ nach einem unveröffentlichten Kapitel eines verworfenen Romanprojektes von Kafka und Brod (HKF, Kulturamt Pankow, Kulturamt Terptow-Köpenick); 2018/19: „HEMINGWAY. GAZA. BIG FISH“ (HKF, Rosa Luxemburg Stiftung).

Seit 2011 ist die Schaubude Berlin unser Lieblings-Spielplatz geworden. Hier entwickelten wir das neue Format IMPROVISIONEN, das den alten Traum von Miriam  „in den Film gehen“ und ihn neu zu bespielen am nähesten kommt. Neue Kooperationspartner im Ausland wurden das Kulturzentrum des Schauspielers und Produzenten Jamal Abu Alqumssan im Gazastreifen. Ausgerechnet ein Krisengebiet, in dem Kino mehr oder weniger verboten ist, alte Lichtspielhäuser, die von der Hamas zerstört wurden langsam verfallen wirde und ist unser fester Partner auf der Suche nach Schnittstellen zwischen Theater und Film! Miriam Sachs brachte 2018 einen Beamer nach Gaza und die Arbeit begann sofort nach dem Auspacken des Projektors. Das Theater Al Mishal in dem die ersten Proben stattfanden wurde bald darauf restlos zerstört, der Projektor auch, aber immer noch beamen wir uns von Ort zu Ort, von Wohnzimmer zu Bühne und umgekehrt und finden bewegte Bilder live und im Augenblick.

MIRIAM SACHS…

…ist gelernte Schauspielerin, ihre Arbeit entwickelte sich jedoch im Lauf der Zeit zu mehr: sie ist Verfasserin mehrerer Romane und Illustratorin/Trickfilmerin. Das Regieführen passierte eher, weil es ihr gemeinsam mit ihren Schauspielkollgen Jürgen Ruoff und anderen darum ging Klassische Texte (Hamlet, 2007; Käthchen von Heilbronn, 2008) konkret und greifbar zu machen und mit all den eigenen Bildern und Assoziationen zu verknüpfen, die man als Schauspieler(in) meist für sich behalten muss.

Ich habe lange meine Liebe zum Kino  (aufgewachsen bin ich in einem Haus voller Kinogeschichte, alten Projektoren und Filmplakaten an den Wänden, einem Schneideraum im Keller, aus dem seltsame Geräusche kamen (Tonspuren spielten sich vorwärts und rückwärts ab, sollten dem Bild angepasst werden und klangen je nach Abspieltempo wie die Dialoge von Zeichentrickmäusen oder Ungeheuern aus der Tiefe. Wenn man eintrat in diese Unterwelt, ringelten sich 35-mm-Flimstreifen sich am Boden wie Schlangen.  Als ich Hanns Zischlers Buch KAFKA GEHT INS KINO las, wohnte ich noch in diesem Reich, fing aber gerade mit dem Literaturwissenschaftsstudium an und war fasziniert von dem Gedanken, dass der schwierige Asket Kafka (fälschlicherweise hatte ich mir immer vorgestellt, er säße in einem kalten unbeheizten Zimmer und schriebe sich die Seele aus dem Leib und die Tuberkulose hinein.) auch ein leidenschaftlicher Kinogänger war. Besonders beeindruckte mich, dass er ganz einfach als Zuschauer „im Kinema“ saß. Keine Ambition hatte, das Kino als potentielles Arbeitsfeld zu entdecken. Z.B. als Drehbuchautor, als Geschichten-erfinder.  Im Gegenteil,  er sah die Filme und war sprachlos, überwältigt und sinnentleert („maßlose Unterhaltung!“). Ich dachte damals, wie toll es doch sein müsste, diesen Kafka ins Kino zu begleiten. Ihm über die Schulter zu gucken und ihm dadurch vielleicht näher zu kommen. Es bleib ein Gedankenexperiment. Abgesehen davon nabelte ich mich vom Elternhaus ab, ging nach Berlin und überhaupt … – schien mir Theater dann die hehrere Kunst zu sein. Ich blendete das Kino, den Film aus. Schauspiel, die Augenblicklichkeit des Theaters schien mir wichtiger und kostbarer (weil vergänglicher).“

Allerdings zieht sich die Liebe zu den großen Klassikern, die immer so weit geht, dass wir diese sehr greifbar und konkret machen wollen, durch unsere Arbeit.

Filmriss HAMLET (2007), KLEIST. KRIEG. AUSNAHMEZUSTAND (2011), CÄCILIA/BILDERSTURM  (2011), NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM (2008)

VOM PUPPENTHEATER zu FILM RISS THEATER

Wir begannen als ENSEMBLE PUPPET-HOLDING, Stücke wie HAMLET und KÄTHCHEN VON HEILBRONN mit Händen und Füßen, Puppen und Menschen, zuweilen auch Haushaltsgeräten im Wechsel zu spielen und so den großartigen Texten eine Alltagspoetischen Minimalismus mitzugeben. Im Laufe der Zeit, besonders durch die Zusammenarbeit mit der Neuköllner Oper wurde die Arbeit mit Filmelementen immer wichtiger und schien die Puppen ein wenig aus unseren Stücken zu verdrängen. Im Grunde ist der Umgang mit Objekten, die interaktiv in die Inszenierung integriert werden nichts anderes als Trick-Collage. Immer noch geht es um Klassiker, die Grenzen zwischen den Genres sind fließend oder sogar gewollt brüchig. Besonders durch Ihre Arbeiten im Kleistjahr 2011, als wir durch eine Förderung der Bundeskulturstiftung eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe („NEUNMALKLEIST“) kuratierten, entstanden Zusammenarbeiten mit Wissenschaftlern, besonders aus dem Bereich der Psychiatrie.

Unsere Inszenierungen wurden Laborabende, die zwar weitgehend inszeniert waren, viele theatersinnliche Elemente wie Live-Musik enthielten, sehr präzise in Bild, Ton und Spiel ausgetüfftelt waren, aber an einem bestimmten Punkt plötzlich das Format wechselten und Gäste aus der Wissenschaft in die Inszenierung versetzten, ins Gespräch verwickelten und ins Bühnengeschehen.  Hier entstand etwas was präzise Inszenierung mit Improvisation verband. Eingespielte Theatralik vor der Routine bewahrte und lebendig erhielt.

Die Idee, dass Theater nicht bedeuten muss, die 1001. Version einer Geschichte zu zeigen, sondern: eine Lesart anzubieten, der noch am selben Abende eine weitere ganz andere hinzugefügt wird, ist uns wichtig. So ist jeder Abend eine neue Forschungsreise.  Das literarische Material wird aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Man sieht es als unvoreingenommener Zuschauer ohne Vorkenntnis (immer noch im Sinne der Lust an „maßloser Unterhaltung“), als Spieler, der mal assoziativ seine persönlichen Bilder zum alten Text dazugibt, mal als forschender Laborant. So wird man in einen fremden Theaterkosmos geführt, der zuweilen Versatzstücke enthält, die jeder kennt, der zeitlos ist, weil Fragmente und Assoziationen jenseits einer bestimmten Epoche in ihm auftauchen und wieder verschwinden – so wie die realen Gäste aus einer anderen Welt wie „echte“ Psychiater, die auf ihre eigene Weise vor dem Rätsel der Kleistschen oder Kafkaschen Figueren stehen. Oder der antiken Mythologie: Den antiken Helden und Kriegsheimkehrer Odysseus hatten wir beispielsweise  auf Posttraumatische Belastungsstörung untersuchen zu lassen von Prof. Hinderk M. Emrich (Psychiater und Philosoph), Prof. Dieter Naber (Psychiater), Dr. Franziska Henningsen (Psychoanalytikerin) und Dr. Wolf Kemper (Soziologe).

FILM RISS THEATER versteht sich nicht nur als Schnittstelle zwischen Theater und Film, sondern interessiertt sich im wörtlichsten Sinne für Stoffe, die von psychischen Disfunktionen handeln. Ob es die Figuren Kleists sind, die mitunter ihre hellsten Momente im Schlaf zu haben scheinen, im Nervenfieber Oratorien dirigieren, sich im Traum verloben, im Halbschlaf verlieben, oder in der Ohnmacht geschwängert werden, oder sich nicht mehr daran erinnern können, ihren Geliebten versehentlich aufgegessen zu haben – oder ob es die Ideenwelt Franz Kafkas ist, die zuweilen albtraumhaft scheint, aber doch von einer ganz klaren Liebe zum Leben und Menschlichkeit geprägt ist.

mehr über die anderen Disziplinen, in denen wir unterwegs sind: http://www.miriamsachs.wordpress.com